Bildserie – Überlebende

Bildserie – Überlebende

1. Akt

Wir mussten fliehen. Plötzlich. Wir wussten, sie würden kommen. Es war bloß eine Frage der Zeit. Ohne jegliches Hab und Gut floh jeder so schnell er nur konnte. Wer ein Pferd besaß, schwang sich auf dessen Rücken und floh so schnell er konnte. Sie waren auf dem Weg, wir konnten sie hören. Das Nachbardorf stand bereits in Flammen. Sie nutzen den Schutz der Nacht, um unerkannt in der Dunkelheit ein Dorf nach dem anderen nieder zu brennen. Männer wie Frauen erstochen während sie schliefen. Ihre Schreie erschütterten den feuerroten Nachthimmel. Ethan, mein Streitross und ich flohen. Bis zum Morgengrauen und noch länger in den nächsten Tag hinein galoppierten wir davon. Wir flohen vor ihnen, liefen so schnell wir konnten und in meinem Kopf hallten sie nach – die Schreie der anderen.

 

2. Akt

Erschöpft und verletzt waren wir. Aber wir waren dem Tod entkommen. Der Himmel war überflutet mit Asche und Rauch. Asche der verbrannten Dörfer. Mich plagte die Ungewissheit. Wer war noch am leben, war irgendwas zu retten oder konnte ich jemandem helfen? Wir ritten Richtung Heimat. Allmählich näherten wir uns dem ersten Dorf, die Häuser glimmten noch immer, überall lagen tote Menschen, daneben das tote Vieh. Die Überlebenden trauerten, sie weinten, versucht ihre Häuser zu retten, vergeblich. Wir ritten weiter. Am Heimatdorf angekommen, stieg ich das erste Mal nach unzähligen Stunden von Ethans Rücken. Wir bahnten uns den Weg durch die Zerstörung. Man konnte sehen, mit wie viel Wut und Zorn sie unsere Dörfer dem Erdboden gleich gemacht hatten. Alle Habseligkeiten, die sie finden und greifen konnten haben sie mitgenommen. Und auch unser Haus und unser Stall sind abgebrannt. Wir haben nichts mehr.

 

3. Akt

Ich bin erschüttert. Erschüttert über so viel Zorn und Grausamkeit, die ein Mensch dem anderen antun kann. Und das schier ohne einen Grund. Weil wir anders sind, murmeln die Stimmen im Verborgenen. Aber was heißt das, was bedeutet anders? Ist nicht jeder auf seiner Art und Weise anders im Vergleich zu seinem Gegenüber? Natürlich bin ich anders als die Bäckerin oder die Schneiderin, aber dennoch sind wir gleich. Ich werde nie verstehen, wieso sie unsere Häuser und unsere Familien zerstört haben, werde nie verstehen, wieso so viele Menschen in dieser Nacht ihr Leben lassen mussten. Doch ich werde Ihnen keinen Nährboden geben, werde mich nicht verkriechen und werde mich nicht klein machen vor Ihnen.

 

4. Akt

Ich versuchte all das Geschehene zu vergessen. Wir alle versuchen es, leider vergeblich. Die einen, geplagt von unendlicher Trauer über ihre Verluste, die anderen heimgesucht von Gedanken der Rache. Jeder hatte zu kämpfen mit den jüngsten Ereignissen. Keiner traute sich ein Wort darüber zu verlieren. Niemand wusste, wie es seinem Gegenüber wirklich ging und eigentlich wollten wir es auch nicht wissen. Waren wir doch alle viel zu sehr mit uns beschäftigt. In meinem Kopf kreisten immer und immer wieder dieselben Fragen: warum wir? Was haben sie gegen uns? Sollten wir es ihnen gleich tun? Haben sie es nicht auch verdient, alles zu verlieren? Warum sollten wir sie verschonen? Wenige Tage nach ihrem Angriff machten wir, die wir noch übrigen geblieben waren, uns auf den Weg. Bei Einbruch der Dunkelheit nahmen wir uns die Pferde und ritten los. Ethan, mein Bester, wir ziehen in den Krieg. Jetzt laufen wir nicht wieder davon.

 

5. Akt

Wir taten es ihnen gleich. Überraschten sie mitten in der Nacht. Brannten Häuser nieder, nahmen uns ihr Essen und ihr Vieh. Doch wir vergossen kein unschuldiges Blut. Wir führten eine lange und erbitterte Schlacht mit ihren Kriegern und waren ihnen weit unterlegen. Schließlich hatten sie fast alle von uns ermordet. Wir hielten stand, hielten sie in Schach bis wir uns schließlich geschlagen zurückzogen. Wir konnten nicht noch mehr unserer Leute verlieren. Doch wir hatten einen kleinen Sieg. Wir nahmen all ihr Vieh und ihre Vorräte mit. Erschöpft trug Ethan mich heim. Zurück in unser Dorf. Der Weg war lang und wir hatten kaum geschlafen, seit wir fort waren. Doch Ethan konnte ich blind vertrauen. Ich wusste, er würde mich nachhause bringen. Als wir endlich ankamen und ich mich endlich ausruhen konnte, dachte ich über all das Geschehene nach. Was hat uns dieser Rachezug gebracht? War es das, was wir alle gewollt und gebraucht haben? Ich schaute zu Ethan und erhoffte mir eine Antwort von ihm. Doch er blieb stumm. Senkte seinen Kopf zu mir als wollte er sagen: „Jetzt wird alles gut. Es wird alles gut.“

ENDE.

 

Danksagung / Making-Of

Ein ganz großer Dank geht natürlich, wie auch schon im Entstehungsjahr 2019 dieser Serie an „Gut Marggraffshof“, die uns ihren Ethan für diese Session zur Verfügung gestellt haben. Und ein weiterer Dank geht an Lara, für ihren Einsatz als Model. Ein letzter Dank geht an meinen Freund Rainer, der diese genialen Making-Ofs gefilmt hat.

Ich bin mehr als glücklich, diese Serie doch noch einmal fortgestzt zu haben. Ich hoffe euch gefällt sie genauso wie mir. Die Arbeit hat sich in allen Fällen gelohnt.

Model: Bemaltes Kind // Lara Mühlner
Pferd: Ethan von Gut Marggraffshof
Video: Rainer Keuenhof

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